Lebenslange Entpuppung – Wie die Puppenmacherei mich zu mir selbst führte.
Die Entdeckung der Puppenliebe
Die erste Puppe nähte ich nach einer schlechten Kopie, die mir meine Freundin gab, nachdem ich ihre Puppe für ihren Sohn bewundert hatte. Mit solch einer Puppe hätte ich als Kind so gern gespielt und eine solche hätte ich so gern auch schon für unser erstes Kind genäht.
Unser zweites Kind sollte nun eine solche Puppe bekommen, und ich erinnere mich, wie ich in der Nacht zum ersten Geburtstag weinend die Haare stickte. Ich liebe diese Puppe und erinnere mich, wie bewegend der gesamte Prozess war. Das war nicht nur ein Nähwerk, das war viel größer.
Ein neuer Anfang – Die Ausbildung zur Puppenmacherin
Viele Jahre später, nach einer schweren Krankheit, entdeckte ich einen Flyer zur Ausbildung als Puppenmacherin. Mit einer alten und erfahrenen Puppenmacherin und in einer Gruppe „lernte“ ich über einen Jahreslauf noch einmal jenseits der abgenutzten Kopie und der Zweidimensionalität eines Buches die Puppenmacherei, von der Tüchleinpuppe, Knotenpuppe, zum Schlamperle, zur Gliederpuppe, zur Handpuppe. Jedes Wesen, das in dieser Zeit geboren wurde, liegt mir sehr am Herzen.
Begegnung mit mir selbst
Meine zuletzt geschaffene Gliederpuppe, ich erinnere mich immer noch daran, fiel mir sehr schwer. Es war wie eine Geburt, die noch keine Worte, Gedanken und Pläne kannte. Im Nachhinein erkannte ich, dass ich mich auf die Welt brachte, und jeder Schritt des Nähens und Gestaltens war ein Ringen, ein zutiefst physisches Ringen. Oft war ich unendlich erschöpft. Es blieb mir unerklärlich, denn ich konnte nähen, Puppen waren mir nah und ich liebte, was ich tat. Und dann schaute mich ein schmales Wesen aus großen Augen an. Diese Puppe wurde mir über Jahre eine nahe Begleiterin, ja, auch Gesprächsvermittlerin in mein Inneres.
Das Wunderhuhn
Jahre später besuchte ich einen Tagesworkshop einer Puppenmacherkollegin und nähte eine Puppe nach ihrem Schnittmuster. Ich distanzierte mich von meinem Wollen und gestalten Können und machte es wie sie. Doch ich weiß es noch als wäre es heute, beim Sticken des Gesichts und der Wahl der Haare war alle Wunderhuhn Energie anwesend. Lachende Augen – sie lachten mühelos – und ein wildes Schaffell als Haarschopf.
Lebenslange Entpuppung
Kurz darauf feierte ich einen runden Geburtstag und meine Familie spielte mir den geliebten Song aus Der König der Löwen. Ich liebe das Leben darin, seinen Urklang in solcher Größe, Freudengröße. Staunend sprach meine Mutter, sie hätte angenommen, eine stille Tochter zu haben. Lachend antwortete es aus mir, dass sie nun die laute und wilde kennenlernen würde. Es antwortete einfach und so sprechen auch diese beiden Puppen als zwei große Wesensanteile aus mir. Da ist der denkende, wissende, ernste Wesensanteil und der uralte wilde, staunwundernde Teil von mir, das Wunderhuhn. Der eine Teil hält den anderen, sie schätzen und achten einander und diese beiden plus noch so viel mehr sind der Mensch, der sich lebenslang entpuppt, bin ich und werde ich, lebenslang.